Institut für Palästinakunde
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Leben & Sterben in Nabi Saleh [03.01.2019]

Mohammad Tamimi (15) Der folgende Text stammt aus einem Brief an die Fraktion der LINKEN im Thüringer Landtag vom Juli 2018, bevor diese sich dazu entschloss, sich per Anti-BDS-Beschluss für das israelischen Raub- und Vertreibungsregime in die Bresche zu werfen, um damit ihre Verwendungsfähigkeit für höhere Aufgaben in Deutschland (=> Staatsraison) zu demonstrieren.

Leben & Sterben in Nabi Saleh

Um Ihnen einen Eindruck davon zu geben, was es bedeutet als Palästinenser unter der Herrschaft des einzigen „jüdischen und demokratischen“ Staats des Nahen Ostens leben zu müssen, begeben wir uns im Folgenden in das Westjordanland, nach Nabi Saleh, ein Dorf mit knapp 600 Einwohnern, zur Familie Tamimi.

Das Ungewöhnliche an den Tamimis ist, dass es ein Mitglied der Familie, Ahed Tamimi (17), geschafft hat bis in die deutschen Medien zu gelangen; anders als ihr Cousin Mohammed Tamimi (15) - den Sie oben sehen können - der am 15. Dezember knapp einem israelischen Mordanschlag entging.

Nabi Saleh und das benachbarte Dorf Deir Nitham sind Ziele einer schleichenden ethnischen Säuberung. Denn zwischen den beiden liegt eine in den 70’er Jahren gegründete, illegale jüdische Kolonie: Halamish. Illegal zufolge der vierten Genfer Konvention – die von Israel genauso ignoriert wird, wie alle anderen internationalen Rechte und Normen, die seiner Expansion durch die Vertreibung von Palästinensern im Weg stehen.

Das Problem der beiden Dörfer ist der Landhunger Halamishs. Denn die israelischen Behörden finden immer neue Wege, um sich Teile des Landes der beiden Dörfer anzueignen - und es der Kolonie zuzuschanzen, gleich ob es sich um öffentliches oder um Land aus dem Privatbesitz von Palästinensern handelt. Für die Bewohner des agrarisch geprägten Nabi Salehs und des Nachbardorfs bedeutet der Landverlust den Verlust von Einkommen. Und zu dem geraubten Land kommen auch noch Sicherheitszonen, Straßensperren und Checkpoints hinzu - sowie das Risiko von militanten Siedler angegriffen zu werden, die dabei von der israelischen Armee beschützt werden.

Das Ziel Israels besteht hier wie überall in Westjordanland darin, die Palästinenser ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, um sie zu vertreiben und durch jüdische Siedler zu ersetzen. Die einzige Möglichkeit für Israel, um sein Ziel "jüdisch und demokratisch" auch tatsächlich zu erreichen.

Die Bewohner Nabi Salehs begannen daher im Jahr 2009, unter der Führung von Bassem Tamimi mit unbewaffneten Protesten, nachdem Halamish auch die Dorfquelle für sich beanspruchte. Seitdem gibt es an fast jedem Freitag Proteste, an denen sich ganze Familien beteiligen, die von der israelischen Armee regelmäßig mit Tränengas, künstlicher Jauche, Plastikgeschossen und scharfer Kleinkalber-Munition bekämpft werden.
Bis zum Dezember 2017 hatte die israelische Armee bereits zwei Mitglieder der Familie, Mustafa Tamimi (2011) und Rushdie Tamimi (2012), getötet und mehrere angeschossen. Von vergleichbaren Opfern auf israelischer Seite ist - so wie in Gaza - nichts bekannt.

Nachdem israelische Menschenrechts-Organisationen damit begannen Palästinenser mit Kameras auszustatten, um die Angriffe israelischer Soldaten und Siedler zu dokumentieren - und die Palästinenser diese Filme im Internet verfügbar machten, ist es der Tamimi-Familie mehrfach gelungen, die israelische Armee gründlich zu blamieren. Der Image-Schaden wurde von der israelischen Regierung als so groß erachtet, dass sie ihre Geheimdienste anwies Belastungsmaterial gegen die Familie zu sammeln.
Der letzte Vorfall dieser Art hat nun nach allem Anschein dazu geführt, dass die israelische Armee damit begonnen hat regelrecht Jagd auf die Mitglieder der Familie zu machen.

Am 15. Dezember des letzten Jahres traf es Mohammed Tamimi. Als der Fünfzehnjährige nach dem Ende der Proteste am Ortsrand über eine Mauer spähte, um nach den Soldaten zu sehen, schoss ihm ein Soldat mit einem Plastikgeschoss in den Kopf. Wer mit einer solchen Waffe auf kurze Entfernung auf den Kopf eines Menschen schießt, will den Betreffenden töten, weil das Eindringen des Projektils in den Kopf normalerweise zum Tod des Getroffenen führt.

Die Kugel drang nahe der Nase in den Kopf von Mohammed ein und blieb im Hinterkopf stecken. Augenzeugen zufolge spritzte das Blut gleich einer Fontäne aus dem Gesicht des Jungen, so dass alle Anwesenden davon ausgingen, dass er nicht überleben würde. Der Junge wurde mit einer Ambulanz in ein Krankenhaus nach Ramallah transportiert, wo die Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzten und einen Teil seiner Schädeldecke entfernten, um die Kugel zu entfernen und Druck den Druck auf das Gehirn zu verringern. Entgegen den Erwartungen der Familie überlebte der Junge die Operation.

Der Vorfall vom 15. Dezember schaffte es auch in die deutschen Medien. Jedoch nicht der Mordversuch - die Ermordung palästinensischer Kinder durch Israel ist deutschen Medien üblicherweise keiner Meldung wert - sondern die Ohrfeige, welche die 16-jährige Cousine Mohammeds, Ahed Tamimi, einem israelischen Soldaten versetzte, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Cousin erschossen worden sei. Dieser „Angriff“ wurde von ihrer Mutter gefilmt und führte vier Tage später zur Verhaftung der 16-jährigen.

Im Rahmen der Ermittlungen der israelischen Militärstaatsanwaltschaft liess diese nicht nur weitere Jugendliche aus Nabi Saleh entführten bzw. verhafteten – wie immer mitten in der Nacht – um sie zu belastenden Aussagen gegen Ahed Tamimi zu nötigen, sondern auch Mohammad Tamimi. Dieser wurde trotz seiner schweren Verletzung von Soldaten bedroht und geschlagen. Der Junge, der um sein Leben fürchtete, unterzeichnete daraufhin ein „Geständnis“, in dem er angab vom Fahrrad gefallen zu sein. Der israelische Statthalter im Westjordanland, Yoav Mordechai, wandte sich darauf mit der triumphierenden Ankündigung an die Öffentlichkeit, die Tamimi-Familie der Lüge überführt zu haben. Die Familie veröffentlichte daraufhin die Untersuchungsberichte der Ärzte samt Bildern der Kugel, welche die Ärzte aus dem Kopf des Jungen entfernt hatten.

"... we will have to kill and kill and kill" (Prof. em. A. Soffer, Universität Haifa, 2004)

Während der Beinah-Mörder Mohammad Tamimis bis heute frei herumläuft, wurde Ahed Tamimi zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Sogar die deutschen Medien berichteten über das Mädchen, das es gewagt hatte einen israelischen Soldasten zu ohrfeigen, wobei sie jedoch darauf verzichteten das Ereignis in den Kontext der versuchten Ermordung ihres Cousins zu rücken. Während der Soldat in den Berichten als heldenmütiges Opfer der 16-jährigen dargestellt wurde, ergoss sich über Ahed Tamimi ein Sturzbach aus gehässigen Verleumdungen und Hetze, um die 16-jährige „Ikone“ des palästinensischen Widerstands mit Dreck zu bewerfen. Die überwältigende Mehrheit der deutschen Medien und Korrespondenten scheinen es für ihre Pflicht zu halten, israelische Mörder von Palästinensern zu decken oder zu rechtfertigen und selbst den unbewaffneten Widerstand der Palästinenser gegen ihre Unterdrücker zu delegitimieren und zu kriminalisieren.

Seit dem Jahresbeginn 2018 hat die israelische Armee weitere Mitglieder der Tamimi-Famile ermordet. Am 3. Januar erschoss sie Musab Tamimi (17) aus Deir Nitham und am 6. Juni Izz-adDin Tamimi (21) aus Nabi Saleh.

Hätte der Soldat die ihn am 15. Dezember ohrfeigende Ahed Tamimi einfach ohne zu zögern erschossen, so wie 2015 Hadeel al-Hashlamoun in Hebron, so hätte die deutsche Presse sicher kein einziges Wort über den Fall verloren. Denn Palästinenser zu ermorden – auch Kinder - fällt hierzulande bekanntlich unter das Existenzrecht Israels. Selbst über solche Morde zu berichten gilt dank selbsternannter, staatlich finanzierter Antisemitismus-Experten mittlerweile als Nachweis von Antisemitimus.

Einer der Gründe, warum Ahed Tamimi am 15. Dezember nicht umstandslos erschossen wurde ist, dass der Vorfall von ihrer Mutter gefilmt wurde. Der israelische Staat hat daraus zwischenzeitlich seine Schlüsse gezogen und will nun ein Gesetz erlassen, welches das Filmen von israelischen Soldaten bei ihrer "Arbeit" mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestrafen soll. Ein Gesetz, das offenbar dazu dienen soll, die Hemmschwelle für die Ermordung von Palästinenser weiter abzusenken.

Fazit

Der Fall Mohammed Tamimi ist nur eins von tausenden von Beispielen die zeigen, dass es für Israel Offizielle nur eine Lösung für den Konflikt mit den Palästinensern gibt: Vertreibung oder Mord.

 (ts)

Ergänzende Links:
Three reasons why Israel backed down, and Ahed Tamimi will walk free

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